Fragestunde: „Gerade in der heutigen Zeit ist Selbsthilfe sehr wichtig!“ Interview mit einer Expertin für junge Selbsthilfe und Alkoholabhängigkeit

Interview mit Bärbel Peiseler, 68 Jahre, ausgebildete Supervisorin und Expertin für Selbsthilfe im Bereich Alkohol. Ehemalige Leiterin einer Gruppe für Angehörige und Kindern von suchtkranken Eltern mit über 20 Jahren Erfahrung.

 

Wie wichtig ist in der heutigen Zeit Selbsthilfe?

Wichtiger denn je. Man trifft auf Gleichgesinnte und kann sich Ihnen viel besser öffnen. Die anderen haben viel mehr Verständnis für die eigene Situation und können bessere Tipps geben und sich unterstützen. Die Zeit, die man zusammen verbringt, schweißt natürlich zusammen und der Wille wird gestärkt.

Gerade in der heutigen Zeit, wo man schnell an illegale und legale Drogen kommt und die Gesellschaft immer anonymer wird, sind Selbsthilfegruppen wichtig und häufig auch der Schlüssel zum Erfolg.

 

Angehörige und Kinder von Suchtkranken haben es oft sehr schwer.

Wie haben Sie das in den Gruppen empfunden?

In den Gruppen wurde häufig berichtet, dass die Angehörigen alle Aufgaben, wie Haushalt, Kinder oder ähnliches übernehmen müssen und vom Erkrankten so gut wie nicht unterstützt werden.
Den Angehörigen fiel es sehr schwer, alles allein zu bewältigen, was natürlich auch Auswirkungen auf deren Psyche und soziales Umfeld hatte.

Bei Kindern von suchtkranken Eltern ist das besonders problematisch. Sie können sich häufig sehr schlecht öffnen, weil sie dann denken, dass sie die Eltern und ihre Suchterkrankung verraten. Die Kinder sehen die Suchterkrankung als Familiengeheimnis an, welches nicht an die Öffentlichkeit gelangen darf. Außerdem übernehmen sie häufig die Rolle des erkrankten Elternteils: sie versorgen beispielsweise ihre Geschwister und erledigen den Haushalt. Dadurch, dass das Elternteil als Ansprechpartner nicht für sie da ist, fressen sie ihre Wut in sich hinein und neigen äußerst häufig zu aggressivem Verhalten.

Dies hat meist schlechte Auswirkungen auf die schulischen Leistungen, denn die Konzentration schwindet und die Gedanken kreisen um das Elternteil, das eventuell gerade „besoffen in der Ecke liegt“.

 

Woran kann man beispielsweise erkennen, dass ein naher Angehöriger gefährdet ist, alkoholkrank zu werden?

Es gibt keine universellen Warnsignale, aber häufig sind es übermäßiges und regelmäßiges Trinken von viel Alkohol. Häufig ist es auch viel „Schnaps“. Im Trinkverhalten äußert es sich oft so, dass derjenige in kurzer Zeit viel trinkt und den Alkohol „runterkippt“, um den gewünschten Pegel zu erreichen. Heimliches Trinken, die Alkoholfahne verleugnen, obwohl sie offensichtlich ist und den Alkohol zu verstecken sind ebenfalls Warnsignale, die Angehörige aufhorchen lassen sollten. Angehörige sollten den Betroffenen damit konfrontieren und sich professionelle Hilfe suchen.

 

Sie selber haben in der Familie Suchterkrankung erlebt. Wie belastend war das, und was hat sich dadurch verändert?

Es war natürlich sehr belastend. Ich habe viele soziale Kontakte verloren und mich für meinen Partner häufig fremdgeschämt. Das Vertrauen gegenüber dem Partner war komplett weg, bis es mir zu viel war und ich mich von ihm innerlich und auch häuslich getrennt habe.

Heute habe ich neue soziale Kontakte und der Alkohol spiel in der Beziehung mit meinen Mann, mit dem ich nun auch schon seit über 20 Jahren verheiratet bin, keine Rolle mehr.

 

#Sucht? #Hilfe!

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